Strahlkraft

Lebendiges Gedankengut von Pfarrer Elmar Gruber e.V.

ELMAR GRUBERS PREDIGTEN

, eingestellt von Redaktion (Kategorie: Predigten durch das Kirchenjahr)

VORWORT

Predigten zu den Sonn- und Feiertagen nach Lesejahren A / B / C  - seit dem 1. Advent 2018 (2. Dezember 2018) ist Lesejahr C.

Immer die aktuelle Predigt!

Inspiration für alle Seelsorger bei der Erstellung ihrer Predigten und alle Gläubigen und Interessenten!

Auch als Predigt-Vorlagen!

Herr Pfarrer Elmar Gruber hat seine Predigten immer vollkommen frei gehalten, also ohne jegliche schriftliche Unterlagen.

Die Predigten wurden von einer gläubigen Frau während der entsprechenden Gottesdienste mit Einverständnis von Pfarrer Elmar Gruber privat auf Cassette aufgenommen und danach von ihr aufgeschrieben. Sie dachte sich, jedes Wort von Elmar Gruber ist wichtig – das gehört für die Nachwelt erhalten.

Danke, Helga! Ohne dich hätten wir diese Predigt-Schätze nicht!

*   *   *

2. Sonntag nach Ostern C –

28. April 2019

 

Predigt von Pfarrer Elmar Gruber am 26.04.1992

 

1. Lesung: Apg  5, 12-16                                                                                                           

2. Lesung:  Offb 1,9  -  11a. 12-13. 17-19                                                                            

Evangelium: Joh. 20, 19-31 „…..Darauf sagte ER zu Thomas: Leg’ deinen Finger hierher und sieh meine Hände; nimm deine Hand und lege sie in meine Seite

und sei nicht ungläubig sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: MEIN HERR UND MEIN GOTT!“

 

Ich begrüße Sie herzlich zur Feier des 2. Oster-Sonntags!

Wir hören heute die vertraute Geschichte vom ungläubigen Thomas. Hier werden Probleme genannt, die gerade in unserer Zeit höchst aktuell sind. Auch wir sind auf das Erbarmen des Herrn angewiesen, damit ER uns begegnet und wir aus der Begegnung mit IHM unsere Zweifel ablegen können.

So bitten wir den Herrn,

dass ER unser Herz öffnet für die Begegnung mit IHM,

dass ER unsere Augen und unsere Sinne öffnet für die Begegnung mit IHM,

damit wir immer wieder überwältigt werden von SEINER Nähe und SEINER Liebe.

 

Predigt:

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Wir dürfen nicht die Augen verschließen vor den gegenwärtigen Problemen unseres Glaubens.

Manche Christen sagen: Lass mich in Ruhe, ich bleibe beim alten Glauben! Dann antworte ich: Gewiss, aber wir werden unglaubwürdig, wenn wir uns den Problemen der Zeit nicht stellen, die ja auch vom Geist gewirkt sind.

Es war früher in gewisser Hinsicht einfacher zu glauben. Ich denke an die Zeit, als ich als Priester angefangen habe, wo die Gemeinden bei Glonn 96 % Kirchenbesucher hatten. Da hat die ganze Gemeinde geglaubt und gefeiert im kirchlichen wie im weltlichen Brauchtum, und der Glaube des Einzelnen war im Vergleich zu heute ein MITGLAUBE. Der Einzelne ist getragen worden, so wie Jahrhunderte lang es in den Gemeinden eben gelebt und gefeiert wurde. Als ich in die Schule ging, waren die Klassen noch katholisch (vielleicht waren ein oder zwei Evangelische darunter). Das war eine andere Zeit, und man hat einfach geglaubt und die Oster-Erzählungen so genommen wie sie da stehen. Das war gewiss gut so.

Aber im gesellschaftlichen Denken ist Vieles anders geworden, und so sind auch viele Fragen aufgetaucht, die die Oster-Erzählungen wieder in eine neue Problematik gebracht haben. Ich muss aber auch sagen, dass ich als Kind meine Schwierigkeiten mit dem Auferstandenen gehabt habe, zum Beispiel: Kann man Jesus, den Auferstandenen, anfassen? Oder, bei Lukas 24 die Geschichte, wo der Auferstandene einen nicht auferstandenen Fisch isst. Wie geht das? Kann man den Auferstehungsleib, den wir auch einmal haben werden nach unserem Tod, kann man den anfassen, kann man den sehen? Meine Tanten waren Religionslehrerinnen, die habe ich im­mer gefragt, und die haben zu mir dann gesagt: Ich bin ein ungläubi­ger Thomas – das war die ganze Antwort. Aber ich wollte doch wissen, ob man den Auferstandenen anfassen kann!

Da ist dann die Frage: Darf man überhaupt so fragen? Dann hat sich halt der Auferstandene vermaterialisiert. Kann ich mit meinem Auferstehungs-Leib machen, dass er so ist wie bei einem Nicht-Auferstandenen? Wenn wir sagen, das ist Materialisation, dann sind wir im Bereich der Parapsychologie und bei deren Phänomenen und Problemen. Aber zum Glauben kommen wir da nicht näher.

Dann kommt heute noch eine Problematik hinzu, denn seit Franz Alt sind die Theorien sehr in die Öffentlichkeit gedrungen, nämlich, dass Jesus nicht tot war, Josef von Arimathäa und Nikodemus hätten sich zusammen getan und genau gewusst, dass Jesus am Kreuz nach fünf Stunden noch nicht tot sein konnte. Sie haben sich dann mit den Soldaten zusammen getan, haben ausgemacht, dass sie IHM die Gebeine nicht zerbrechen und haben den noch nicht To­ten vom Kreuz abgenommen, und Josef von Arimathäa hat IHN gesund gepflegt. Ich kenne Religionslehrer, die große Glaubensschwierigkeiten haben und sagen, sie können nicht mehr glauben. Sie sagen, diese Erzäh­lung, dass ER noch nicht tot war, das sei für sie viel plausibler als die Auferstehungserzählungen – also Schwierigkeiten über Schwierigkeiten.

Dann kommt Drewermann und spricht von den Erfah­rungen. Was ist dazu zu sagen? Vielleicht haben manche die hervorragende Diskussion damals im Club 2 gesehen, wo der Regensburger Dogmatiker Weinert dabei war und das Problem auf die Spitze getrieben hat. Er hat gefragt: Ist Auferstehung ein Faktum, also eine Tatsache, oder eine Erfahrung, die jeder machen kann? (Da hätte ich dabei sein mögen!)

Die Alternative ist falsch! Auferstehungs-Erfahrung ist eine menschliche Erfahrung, aber immer auch Tat Gottes. Da ist kein Unterschied, das ist ja kein Gegensatz, und darin liegt der Fehler. Wenn wir fragen, was geschehen ist, dann können wir im historisch, kritischen Sinn sagen, es gab Men­schen (die gibt’s heute noch), die haben erfahren, dass Jesus, der Getötete, lebt. Und diese Erfahrung beruht auf Begegnung. Der Auferstandene ist ihnen begegnet.

Wir müssen nur ein wenig über Begegnung meditieren, auch wenn wir Menschen uns einander begegnen. Das Eigentliche einer Begeg­nung, das, was uns fasziniert, ist immer etwas Inneres, das Äußere sind die Zeichen der Begegnung. Das Eigentliche ist die Kommunikation, wenn man so sagen darf, das Wissen, ja, ER ist jetzt ganz da, ja, jetzt sind wir ganz beieinander, ja, ER ist es, ER ist es wieder! Und dieses ERGRIFFEN-SEIN, dieses ÜBERWÄLTIGT-SEIN in der Be­gegnung, das versuchen die, die es erfahren haben, in ihren Erzählungen so wieder zu geben, dass wir ermuntert werden, uns auch auf diesen Glauben zu besinnen.

Man könnte sich vor jeder Oster-Geschichte den Satz vorgesetzt den­ken: Stell dir vor, ER ist uns begegnet! So wie du da bist, wie du und ich da sind, so real, so ist ER begegnet. An den Reaktionen der Jünger kann man ablesen, dass sie etwas erfahren haben müssen, was dann die Gemeinde bildet, wie wir in der Apostelgeschichte sehen und wie Paulus sagt: „Ja, mir auch!“ Ihm ist ER auch begegnet. Und 500 Brüdern auf einmal ist es aufgegangen, dass der Herr lebt.  ER ist ihnen begegnet, und sie wa­ren überwältigt – und so die ganze Kirche. Und dann kommen wir auf uns.

Wenn mich Kinder fragen: Ja, ist ER dir auch begegnet? Dann sage ich: J A !Und auf diesen Begegnungen in meinem Leben, in denen ich IHN in eins erlebe mit den ersten Zeugen, beruht jetzt mein ganz persön­licher Glaube. Die mich kennen, wissen, mein erster Sterbender, den ich als Prie­ster begleiten durfte, ist meine Oster-Geschichte.

Warum feiern wir Ostern? – Damit wir IHM in den vielen Symbolen und in den Oster-Erzählungen und dann am dichtesten im Sakrament begegnen und E R uns in den Sinn kommt, uns überwältigt.

Es ist oft so blass, es sind oft nur Augenblicke, die nicht durchdringen, wir sind so weltbefangen, so materialistisch. Im Vergleich zu früher müsste sich heute jeder mehr persönlich um seinen Glauben kümmern. Früher hat man, wenn ich so sagen darf,nur MIT-GLAUBEN-BRAUCHEN,und heute muss ein jeder selber an seinem Glauben arbeiten. Wo geschieht das?

Ich glaube, es sind zwei Punkte.

Das erste ist:

Wir werden nur im mystischen Denken und nicht im dogmatischen und auch nicht im psychologischen Denken die Taten Gottes, die in den Erfahrungen des Menschen geschehen, erfassen können.

Und dann das zweite:

Wir haben unsere Sinne wieder für die heiligen Zeichen in den Sakramenten zu öffnen. Wer glaubt, dass sich die Liebe Gottes in Jesus verkörpert, so wie es uns das ganze Neue Testament zeigt, und wer glaubt, dass dieser irdische Jesus, der sich den Menschen hingegeben hat, sich noch einmal verkörpert in den heiligen Symbolen von Brot und Wein, der hat an sich keine Schwierigkeiten.

Und wenn uns aufgeht, vielleicht am Grab eines geliebten Menschen, dass er nicht tot ist, dann ist da vielleicht der Ort, wo uns die Tat Gottes erreichen kann. Und wenn uns an einem Grab aufgeht, dass wir Beziehung haben können über den Tod hinaus, dann ist das eine Erfahrung, zu der grundsätzlich jeder Mensch fähig ist, weil eben jeder Mensch grundsätzlich fähig ist, Gott zu erfahren.

Auf der anderen Seite ist aber auch grundsätzlich Gott in der Lage, sich jedem Menschen zu offenbaren. Und so, wie es damals Tat Gottes war, dass ER sich den Jüngern und der frühen Kirche geoffenbart hat, so ist es auch die Tat Gottes, wenn mir in meinem Oster-Erlebnis aufgeht: Der HERR LEBT, ER ist auferstanden!

 

Alle, die solche Erfahrungen haben, können dann objektivierend sagen: Der HERR ist wahrhaft auferstanden, dessen sind wir Zeugen - damals wie heute. Und das ist das Anliegen von Drewermann und das Anliegen der Dog­matiker. Das ist so eine Pattsituation. Vom mystischen Leben her wäre das so leicht vereinbar. Es tut mir als Religionslehrer bis ins Herz hinein weh, dass das ver­hältnismäßig so wenige Religionslehrer, so wenige Dogmatiker und so wenige Bischöfe wahrnehmen. Man sollte immer mehr sehen, was Karl Rahner in prophetischer Schau gesagt hat: “Der Christ der Zukunft wird Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein.” Und mystisches Denken ist mehr als dogmatisches Denken und mehr als nur psychologisches Denken. Beides gehört dazu, aber es ist eben mehr!

Und so glaube ich, dass auch unsere Zeit offen ist – das ist eine große Chance – für einen erneuerten, ganz lebendigen Glauben. Die Zeichen der Zeit, gesellschaftlich gesehen, sind Zeichen des Untergangs, das zeigt sich am Egoismus der Gruppen, Streik usw., usw. – ich will mich da nicht einmischen. Aber nur der wird bestehen, dessen Lebensfreude erhalten bleibt, der einen ganz lebendigen Glauben hat, der sagen kann, Jesus lebt, und mit IHM auch ich, der mit Paulus sagen kann, nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir.

Ich darf Ihnen auch ganz persönlich sagen: Ich bin dankbar für Sie, für diese Gemeinde, in der ich leben darf, wo wir uns Sonntag für Sonntag um einen lebendigen Glauben bemühen, nicht nur für uns, sondern auch für die Menschen, die un­ter Unsicherheit und in der Zukunftsangst und in den Problemen der Zeit verzweifeln möchten.