VORWORT
IDEAL IN DEN ZEITEN DES UKRAINE-KRIEGS, DES KLIMAWANDELS – DIESE WORTE GEBEN KRAFT UND HOFFNUNG!
VERKÜNDIGUNG VON GOTTES WORT DURCH DIE PREDIGTEN DES HOFFNUNG GEBENDEN PFARRERS ELMAR GRUBER
Predigten zu den Sonn- und Feiertagen nach Lesejahren A / B / C – seit dem 1. Advent 2025 (30. November 2025) ist Lesejahr A.
Immer die aktuelle Predigt!
Inspiration für alle Seelsorgerinnen und Seelsorger bei der Erstellung ihrer Predigten und alle Gläubigen und Interessenten!
Auch als Predigt-Vorlagen!
Herr Pfarrer Elmar Gruber hat seine Predigten immer vollkommen frei gehalten, also ohne jegliche schriftliche Unterlagen.
Die Predigten wurden von einer gläubigen Frau während der entsprechenden Gottesdienste mit Einverständnis von Pfarrer Elmar Gruber privat auf Cassette aufgenommen und danach von ihr aufgeschrieben. Sie dachte sich, jedes Wort von Elmar Gruber ist wichtig – das gehört für die Nachwelt erhalten.
Danke, Helga! Ohne Dich hätten wir diese Predigt-Schätze nicht!
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PFINGSTSONNTAG A –
24. Mai 2026
Predigt von Pfarrer Elmar Gruber am 30. Mai 1993
1. Lesung: Apg 2, 1-11 „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen zu reden.“
2. Lesung: 1 Kor 12, 3b-7.12-13
Evangelium: Joh 20, 19-23 „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch: Empfangt den Heiligen Geist!“
Ich begrüße Sie herzlich zur Feier des Hohen Pfingstfestes!
Das Pfingstfest ist das Fest der Gotteskraft.
Das Entscheidende ist, wie sie den Menschen ergreift.
Was nützt es Gott, wenn uns SEINE Liebe nicht ergreift?
Predigt:
Liebe Schwestern und Brüder!
Es fällt irgendwie auf, dass beim Feiern unserer Feste von „Weihnachten“, „Ostern“ und „Pfingsten“ eigentlich „Pfingsten“ immer ein bisschen zu kurz kommt. Und doch ist „Pfingsten“ das eigentliche Fest unserer praktischen Erlösung. Es ist das Fest, das uns offenbart, dass wir erlöst sind und wie wir erlöst sind. Wenn wir die heiligen Texte heute anschauen, dann sehen wir, dass hier auch auf den Krisenpunkt der Menschheit eingegangen wird. Die Erlösung geschieht genau da, wo die Not der ganzen Menschheit besteht und wo alle Religionen sich um Lösungs- und Erlösungsversuche bemühen. Man kann diese zwei Krisenpunkte der Menschheit und jedes einzelnen Menschen in zwei Worten sagen: Angst und Schuld. Alle Probleme lassen sich auf diese zwei Wirklichkeiten zurückführen, die im Grunde auch nur eine Wirklichkeit sind. Und das ist auch der Grund, warum Eugen Drewermann so viel Gehör findet, weil er genau an diesen Punkten ansetzt, wo alle Menschen aufhorchen und sagen: „Ja, das ist es! „Angst und Schuld – für diese Wirklichkeit gibt es eigentlich bei uns kein Wort. Im Hebräischen gibt es ein Wort, das annähernd das ausdrückt. Lassen Sie sich aber nicht irreleiten durch den Klang dieses Wortes, es heißt: „Bazar“. Bazar ist der biblische Ausdruck für die ganze Not des Menschen und wird meistens übersetzt mit ‚Fleisch‘. Bazar meint die ganze Hinfälligkeit und Hilflosigkeit und Angewiesenheit des Menschen. Der Prophet verkündet schon: „Alles Fleisch, (alles Bazar) wird schauen Gottes Heil. …“
Und die heutigen Texte zeigen, dass und wie diese Erlösung in Erfüllung geht. In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie die Gotteskraft – ein Kind hat sie bezeichnet als die „Angst-Vergehe-Kraft“ – den Menschen überkommt, ihn erfüllt und ihm alle Angst nimmt. Der Mensch wird frei, er kann auf den Anderen zugehen, in Kommunikation treten. Er begeistert, kann begeisternd reden. Er findet für jeden Menschen die richtigen Worte und kann sagen, worauf jeder Mensch wartet: „Du bist geliebt, Gott liebt Dich. Du brauchst nie mehr Angst haben.“
Schuld und Angst, die Not der Menschen! Was tut der Mensch, wenn er sich selbst daraus befreien möchte? Der, der selbst Angst hat, macht dem Anderen Angst. Im Terrorismus ist die Angst eine extreme Auswirkung. Und dann macht der Mensch, der Angst hat, nicht nur Anderen Angst, sondern sich selbst auch. Es kommt dann zum Teufelskreis, der bis zur Selbstvernichtung gehen kann, wenn ein Mensch aus der Angst nicht erlöst wird. Schuld ist die Erfahrung, dass etwas nicht stimmt, dass ich gegen mich lebe, gegen die Wirklichkeit, gegen die Ordnung. Die Schuld hat es in sich, sodass ein Mensch das nicht aushalten kann. Und was tut er? Er beschuldigt Andere. Er sagt, die Anderen sind schuld. Und dann hat er einen Grund, auf die Anderen loszugehen und geht eigentlich, wenn er auf die Anderen, auf die bösen Schuldigen, losgeht, auf sich selbst los. Ihm ist das nur nicht bewusst, aber er spürt es. Denn keinem ist wohl, wenn er merkt, dass er den Anderen fertiggemacht hat.
Und das Evangelium zeigt uns heute, wie Jesus die Gotteskraft, die Kraft der Vergebung, ist. Wenn es dem Menschen aufgeht, dass er in seiner Schuld geliebt ist, dann ist das die Gotteskraft, die Angst-Vergehe-Kraft, die Schuld-Vergebe-Kraft. Der Mensch ist von Gott entschuldigt, und alle Selbstentschuldigungsversuche sind nicht mehr notwendig, aber nur, wenn diese Kraft in ihn hineinkommt und er Anderen entschuldigen kann.
Im Zusammenleben der Menschen geht es doch immer darum, dass sie Schuld zugeben können, denn nur dann kann man Vergebung erfahren. Die Versuche in der Psychologie, Schuld einfach zu leugnen und zu sagen, dass das ein Fehlverhalten sei, dass es Schuld nicht gebe, wird dem Menschen nicht gerecht – das ist dann ein Verdrängen, da findet sich der Mensch nicht.
Wenn ich weiß, ich darf schuldig sein, dann kann ich die Vergebung annehmen, und dann kommt der Geist der Vergebung. Das ist im Anhauchen ausgedrückt. Der Geist Gottes kommt in mich herein, dass ich also Vergebung in mir habe und sie auch anderen weitergeben kann. So ermutigt uns dieses Evangelium: Trau Dich, schuldig zu sein, in dem Sinne! Trau Dich, Deine Schuld zuzugeben! Und trau Dich, auch Anderen zu vergeben!
Noch ein letzter Gedanke zu dem Wort, das oft klerikal missverstanden wird: „Wem Ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem Ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ Das Missverständnis besteht darin zu denken, der Mensch hätte Macht, die Vergebung Gottes zu verhindern. Dieses Wort hat einen ganz anderen Sinn – sicherlich ist auch in diesem Text schon eine bestimmte Vergebungspraxis der Urkirche mit eingegangen. Es heißt, dass die Menschen, die von Gottes Kraft und Gottes Liebe ergriffen sind, auf die Menschen zugehen sollen. Es geht nicht um die Vollmacht der Vergebung in erster Linie, sondern um die Kraft zu vergeben. Und wenn durch Euch, in denen der Geist Gottes lebt, die Menschen keine Vergebung, keine Befreiung von Angst und Schuld, erfahren, dann erfahren sie sich nicht menschlich. Gott ist Mensch geworden, um menschlich sein Leben zu offenbaren. Und ER will, dass SEINE Liebe, die ER geoffenbart hat, durch die Menschen, die IHN aufnehmen und ergriffen sind von SEINEM Geist, weitergetragen wird in die Welt. Das ist Pfingsten!
Und wenn wir jetzt fragen, wie Gottes Geist in uns kommt, können wir ein paar Anregungen geben. Es ist nicht von ungefähr, dass sie auf den Geist gewartet haben. Das Warten als Vorbereitung auf das Kommen Gottes ist ein notwendiger Prozess, denn im Warten hören wir auf, alles selbst machen zu wollen. In der heutigen Zeit kann man nicht mehr warten, weil immer alles auf Knopfdruck gehen muss. Aber so kommt Gott nicht. Das ist also notwendig, damit das geschehen kann, dass wir erfüllt werden, dass wir aufhören in unserem Streiten, Andere zu beschuldigen, dass wir vielleicht uns hinsetzen und sagen, dass wir nicht mehr weiterkommen, dass wir jetzt warten auf den Heiligen Geist und beten, dass ER kommt. In Familien, in Beziehungen, wo man beten kann, wo man auf den Geist Gottes warten kann, läuft alles anders als dort, wo das fehlt. Wo Menschen miteinander streiten, aber grundsätzlich bereit sind, Schuld zuzugeben und zu verzeihen, wird der Streit fruchtbar; dann wird es ein Fortschritt. Wo aber diese Bereitschaft für den Geist Gottes fehlt, wird er zur gnadenlosen Vernichtung.
Und so bleibt uns eben nur, dass wir, wie die Jünger, immer wieder bereit sind, auf den Geist Gottes zu warten in Geduld. Auch das Warten-Können ist schon Gnade. Das ist das erste Kommen des Heiligen Geistes, bevor ER richtig kommt. Wir sollen fähig werden, auf IHN zu warten und IHN zu bitten. Die Erfüllung bleibt bestimmt nicht aus.
Pfingstmontag A –
25. Mai 2026
Predigt von Pfarrer Elmar Gruber am 31. Mai 1993
1. Lesung: Apg 10, 34-35. 42-48a „In jedem Volk willkommen, wer IHN fürchtet und tut, was recht ist.“
Lesung: Eph 4, 1b-6 „Ein Leib und ein Geist, ein Herr, ein Glaube und eine Taufe“
Evangelium: Joh 15, 26-16, 3.12-15 „Der Geist wird Zeugnis für mich ablegen, und auch Ihr sollt Zeugnis ablegen!“
Ich begrüße Sie herzlich zur Feier des Pfingstmontags! Vom „Geist der Wahrheit“ ist heute in den heiligen Texten die Rede. Die Wahrheit Gottes ist Wahrheit, die aus Liebe kommt, sie eint, sie befreit und sie schafft Frieden. Wenn das aber nicht geschieht, ist es auch unsere Schuld.
Predigt:
Liebe Schwestern und Brüder!
Jetzt beginnt die Zeit nach Pfingsten, die lange Zeit bis zum Advent, in der wir versuchen, das in unser Leben einzuarbeiten, was wir an den festlichen Festzeiten „Weihnachten“, „Ostern“ und „Pfingsten“ gefeiert haben und was uns da wieder neu aufgegangen ist. Die heutigen Texte sind ein guter Anfang und ein gutes Geleit zu dieser Arbeit. Es geht hier um den Geist Gottes, um den Geist der Wahrheit, der uns gegeben ist.
Das Erste, was wir aus dem heutigen Text erkennen und wahrnehmen müssen, ist, dass die Wahrheit etwas Lebendiges ist. Sie ist nicht mit einem Schlag, ein für alle Mal, sondern sie ist etwas, was dauernd wächst. Und der Ursprung der lebendigen Wahrheit ist Gott selbst.
Ich erinnere mich noch, ganz am Anfang in der Ausbildungszeit, an die allererste Vorlesung. Die ging über die Wahrheit. Der damals junge Professor Dr. Joseph Ratzinger hatte in großartiger Weise dargestellt, dass Wahrheit „Person“ ist und dass für ihn Theologie der Versuch ist, den Geliebten näher kennenzulernen – ein großartiger Auftakt zu einem Theologiestudium! Wahrheit ist Person. Man könnte aber noch tiefer sagen: „Wahrheit ist Liebe.“ Und die Wahrheit, die rationale, verstandesmäßige Formulierung der Wahrheit, die nicht aus Liebe kommt, wäre eine Wahrheit, die nicht von Gott kommt. Das sind dann die Wahrheiten der Welt, der Machthaber usw. Und in dieser Wahrheit, die aus Liebe kommt, gibt es auch wieder eine Struktur. Und das ist einmal das Unveränderliche, man könnte sagen das Ewige, der harte Kern, und dann das Veränderliche, wo das Ewige, das Unveränderliche, immer in die jeweilige Zeit und Lebenssituation hineingesprochen werden muss. Das Unveränderliche haben wir im Epheser-Brief gehört, dass Gott der eine Vater – und heute müssen wir auch dazu sagen der eine Vater und Mutter – aller Menschen ist. Das wird eine unveränderliche Wahrheit sein, dass alles Leben von Gott stammt. Und bei dem Aufschrei gegen das Karlsruher Urteil vom § 218 kann man sehen, wie gottlos diese Gesellschaft geworden ist. Es ist eigentlich klar, wenn im Grundgesetz steht, dass die Menschenwürde unantastbar ist, und zwar überhaupt und nicht erst ab dem dritten Monat, dass es dann kein Recht geben kann, auch kein privates Recht, auf Abtreibung.
Wenn unsere Gesellschaft nicht mehr auf Gott bezogen ist, dann ist es ein Signal, dass wir Christen immer noch mehr lernen müssen, als Minderheit in dieser Gesellschaft zu leben und Zeugnis zu geben. Unveränderlich ist, dass Gott sich geoffenbart hat in der lebendigen Gestalt Jesu Christi, dass Gott die Liebe ist, die bedingungslose Liebe zu allen Menschen. Und alle Wahrheit wird sich daran messen lassen müssen. Und dann ist es eben die Aufgabe, diese Urwahrheit so auszusprechen, dass sie in der heutigen Zeit den heutigen Menschen ergreifen kann.
Es ist ein Paradox: Wenn man das Veränderliche an der Wahrheit nicht verändert, dann geht das Unveränderliche verloren, dann wird das Unveränderliche auch verändert, dann dringt es nicht mehr durch, dann kann es nicht mehr wirken. So sind manche Probleme, die heute da sind, eigentlich gar keine Probleme – zum Beispiel, dass man nach dem heutigen Stand der Wissenschaft mit bestem Willen nicht mehr sagen kann, dass die Sakramente alle von Jesus eingesetzt sind, wie wir es noch in der Schule gelernt haben. Und das beunruhigt viele Menschen. Wenn Einer sagt, dass wenn Jesus die Sakramente nicht eingesetzt hat, dass sie dann keine Sakramente sind, dann muss ich fragen: „Ja, glaubst Du an den Heiligen Geist? Das ist doch der Geist Jesu Christi, der in der Kirche wirkt.“ Wenn die Sakramente von der Kirche eingesetzt sind, dann sind sie nicht willkürlich eingesetzt, sondern vom Heiligen Geist eingesetzt, der in Jesus gewirkt hat und somit dann auch von Jesus eingesetzt wird, aber sozusagen nicht historisch, als Jesus noch körperlich anwesend war, sondern eben schon in der Weiterentwicklung der Kirche. Dann sind die Sakramente ein Zeugnis der Wahrheit, durch SEINEN Geist bewirkt, ein Zeugnis des Geistes für Jesus Christus, wie wir es gehört haben. Also, da ist unser Glaube an den Heiligen Geist herausgefordert.
Und dann haben wir noch ein Weiteres: Die Wahrheit hat auch Kriterien. Die Wahrheit, die aus Liebe kommt, die Wahrheit, die von Gott kommt, sie eint. Wir haben es im Epheser-Brief gerade gehört: „Ein Leib, ein Geist…, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller …“. Die Wahrheit eint. Leider beobachten wir heute, gerade auch in der Katholischen Kirche, die vielen Spaltungen. Eine Wahrheit kann noch so wahr erscheinen – wenn sie nicht eint, ist sie nicht von Gott. Manche, auch katholische Priester, bilden Gruppen, die in sich stark geeint sind, aber die das Ganze spalten. Und das ist eine Einheit auf Kosten der Spaltung, auf Kosten der großen Einheit – und das kann der Geist niemals wirken und wollen. Man kann sagen, die große kirchliche Gruppe hat Sektionen, Unterbezirke, aber nicht Sekten. Sekten sind das Abgespaltene, Sektion ist der Ort, wo das Eine, wo alles Einende verwirklicht wird.
Noch etwas: Die Wahrheit, die aus Liebe kommt, macht frei, sie befreit den Menschen. Eine Wahrheit, die nicht befreit, kann nicht von Gott kommen. Es kann aber auch sein, dass der Mensch so gefangen ist, dass er das Befreiende der Wahrheit, die Gott schenkt, noch nicht erkennen kann – und das zu erkennen ist eben dann Glaubensarbeit.
Und dann ein letztes Kriterium: Die Wahrheit, die aus Liebe kommt, schafft Frieden – im Großen wie im Kleinen. Denken wir ans gestrige Evangelium: „Friede sei mit Euch!“ Und nochmal sprach ER zu ihnen: „Friede sei mit Euch!“
- Lesung: Nehemia 8, 2-4.5-6.8-10
- Lesung: 1 Korinther 12, 12-30
Evangelium: Lukas 1, 1-4;4, 14-21
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Ich begrüße Sie herzlich zum 3. Sonntag im Jahreskreis! In der Lesung weist uns der Apostel Paulus darauf hin, dass wir alle E I N E R sind, der Leib Christi, jeder mit seinen Fähigkeiten, mit seinen Gaben, die Aufgaben sind.
Im Evangelium zeigt uns Lukas sein Anliegen, warum er das Evangelium geschrieben hat und auch, was die Sendung Jesu eigentlich ist.
Predigt:
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Evangelium heute greift eine schwierige Situation auf, die wir gerade in unserer Zeit wieder vorfinden:
Woher bekommen wir die Gewissheiten unseres Glaubens? Wo finden wir sie? Wir werden feststellen, dass wir, die wir noch Vorstellungen haben wie vor fünfzig Jahren, umdenken müssen, um die eigentliche Botschaft, das Eigentliche, was Jesus gebracht hat, nicht zu verlieren.
Es geht hier um die historische Zuverlässigkeit der Berichte über das Leben Jesu. Da sagt uns die heutige Wissenschaft, dass wir über die praktisch historische Zuverlässigkeit im Neuen Testament nichts finden. Wie ich im Studium war, da war die große Problematik, ob es Jesus überhaupt gegeben hat, ob wir nicht nur den Jesus des Glaubens, den literarischen Jesus haben; das ist überwunden. An der historischen Wirklichkeit Jesu zweifelt heute niemand.
Aber, wer war dieser Jesus?
Historisch gesehen war ER wohl mehr als nur dieser Ausschnitt, den uns die Evangelien zeigen.
Die Sprachforscher, die aramäisch, jüdisch, hebräisch beherrschen, die sagen, das Thomasevangelium ist eines der ältesten Schriften, es zeigt uns Jesus als Weisheitslehrer, der in Sequenzen, in Versen gesprochen hat, die man auswendig lernen kann, damit SEINE Jünger SEINE Lehre weitergeben können.
Als ich vor ca. dreißig Jahren den Auftrag bekam, diese neuen biblischen Ergebnisse der Lehrerschaft, die Religionsunterricht geben, zu vermitteln, war das äußerst schwierig.
„Ja, wenn das alles nicht mehr stimmt, wenn das Jesus nicht wortwörtlich gesagt hat, ja dann geben wir keinen Religionsunterricht, keinen Bibelunterricht mehr. “
In meiner Kinderzeit hat man noch gelernt, dass den Jonas der Walfisch gefressen und dann wieder ausgespuckt hat. Das ist mir zum Verhängnis geworden, weil ich das so nicht glauben konnte, dass Jonas, der im Bauch des Walfisches war, das Beten angefangen hat. Doch mir hat der Religionslehrer – ich habe ihm längst verziehen – gesagt: „Das musst Du glauben, das ist Wort Gottes. Wenn Du das nicht glaubst, dass der Walfisch den Jonas gefressen hat und dass der im Bauch gebetet hat und dann nach drei Tagen wieder ans Land kam, dann hast Du eine Todsünde.“
Ich habe es immer wieder gebeichtet, weil ich den Jonas nicht glauben konnte. Dann habe ich im Lexikon auch noch gelesen, dass der Walfisch so einen engen Schlund hat wie ein Mensch, dass da kleine Krebse durchgehen können, aber nie ein unzerkleinerter Prophet.
Und der Beichtvater hat gesagt: „Wenn Du das nicht glaubst, kann ich Dir nicht mehr die Absolution erteilen“ (in welchen Zwängen muss der gewesen sein). Das war für mich Verdammung; ich habe den Jonas nicht glauben können.
Dass das eine Lehrgeschichte ist, wo man sagen muss: Stell dir das mal vor, da musste ein Prophet lernen, dass Gott die Leviten auch mag, dass ER jeden mag, der sich bekehrt und liebend wird, bildlich gesprochen, dass er einen Prozess durchmacht, verschlungen wird, dann in die Finsternis, ins Unheil kommt, bis er dann geläutert durch diese Prozesse kapiert, dass Gott die Liebe ist – eine wunderbare Geschichte.
Ein Kurskollege von mir hat seine Probekatechese gehalten über den Jonas und hat in diesem Sinn gesprochen, und das war vor 40 Jahren. Dann haben die Professoren einen Rat abgehalten, ob man ihn als Ungläubigen entlassen müsste. Aber er ist heute noch ein sehr aufgeschlossener Priester und Pfarrer.
Und so ist es heute das Eigentliche, das Tiefe, das Innere, das Unvergängliche, das uns in diesen Sinngestalten nahegebracht wird. Wenn uns das aufgeht, dann ist es nicht mehr wichtig, ob es genauso historisch geschehen ist wie es da steht.
Und jetzt kommt Einer und sagt, bei Lukas steht doch genau: „Ich habe mich entschlossen, allem von Anfang an nachzuforschen, um es der Reihe nach aufzuschreiben, und so kannst du dich auf mich verlassen.“ Es waren Überlieferungsstücke, Erzählungen, Erinnerungen, und jeder, der ein Buch schreibt, der braucht eine Gliederung, wie er alles zusammenbaut, damit der Leser möglichst gut auf das Eigentliche kommt.
Und was aber Lukas zeigen möchte, geschieht im Innern des Sprachlichen, wo der Prophet sagt: „Er hat mich gesandt, um den Armen die Heilsbotschaft zu bringen, um den Gefangenen (das sind die Eingesperrten, die mit sich und anderen innerlich und äußerlich Eingesperrten) die Freiheit zu bringen, den Blinden das Augenlicht (der Durchblicke eröffnet, der Zusammenhänge vermittelt, der möglich macht, alles einzuordnen, der es möglich macht, mit seinem Leben mit den vielen Rätseln zu leben und umzugehen und einfach, der die Zerschlagenen, die Kaputten wieder richtet, repariert).“ Das will er zeigen.
Man hat auch zur Zeit Jesu gedacht, der Messias müsste politisch sein, wie David, so wie David es für kurze Zeit fertiggebracht hat, ein Friedensreich aufzubauen. Jesus soll die Römer vertreiben, ER soll die Herrschaft, das Etablissement der Schriftgelehrten und Pharisäer, durchbrechen. Auf dieser Ebene, irdisch gesehen, ist Jesus total gescheitert. Und nun sagen heute auch die Wissenschaftler, wollte man die Glaubensgewissheit auf historische Daten festlegen, dann würde das Christentum das dritte Jahrtausend nicht überstehen. Würde man nicht sozusagen die inneren Wirklichkeiten, das, was Jesus uns bedeutet, das Unvergängliche in die Gegenwart bringen, dann könnte es uns im Leben auch nicht mehr tragen. Dann sind wir dauernd mit unserem Glauben dem Streit der Wissenschaftler ausgesetzt, die heute das reden und morgen was Anderes, dann muss man sich in einem Jahr ein paarmal umstellen.
So kommt jetzt ein Wort – da ist das Entscheidende drin, wenn Lukas schreibt:
„Jesus kehrte von der Kraft des Geistes erfüllt zurück.“
Das ist SEINE innere Erfüllung mit Gott, mit der Botschaft von der Liebe Gottes. Und so zeigt uns gerade Lukas Jesus als den Heiland der Armen, der in der Kraft der Liebe verbindet und offenbar macht, wie die Menschen befreit und erlöst werden können.
Wenn wir die frohe Botschaft als Lebenskraft erfahren wollen, als eine Kraft, die uns im Leben trägt, auch wenn äußerlich alles schiefgeht, die uns trägt in der Krankheit, durch die Krankheit, in der Armut und in unserer Schuld, in unserer Zerrissenheit, unserer Schwachheit, wenn das aufgeht, in unserem ganzen Bewusstsein aufgeht, dann trägt es unser Leben.
Nun kommen wir wieder auf das, worum wir uns ja dauernd bemühen:
Gott liebt dich immer, bedingungslos, unverlierbar, und die Anderen auch.
Und das ist die Fülle der Zeit, die Erfüllung unserer Sehnsucht, die auch, wie Augustinus sagt, als unerfüllte Sehnsucht in jedem Menschen verborgen ist. Das, wonach du dich sehnst, das gab es immer und das gibt es, und darum ist Gott Mensch geworden, damit das ganz menschlich sichtbar und erfahrbar wird.
Hängt euch doch nicht fest an dem Äußeren, das sind Vorstellungshilfen, damit das Innere aufgehen kann und euch tragen kann; das ist eben Mystik. Und das meint das viel zitierte Wort von Karl Rahner: „Der Christ der Zukunft wird Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein.“
So versteht es auch Jesus, er zitiert Jesaja: „Er hat mich gesandt, um den Armen die Heilsbotschaft zu bringen.“ Und wenn Jesus sagt, das ist heute in Erfüllung gegangen, das mag vielleicht anmaßend klingen, aber es heißt, IHM ist bewusst, das, was ER zu bringen hat, ist kein menschliches Fabrikat, sondern das ist IHM gegeben, das ist die Kraft des Geistes.
„Der Geist des Herrn ruht auf IHM“, d.h., was ich euch sage, das ist mein Auftrag. Und so müsste eigentlich jedem Religionslehrer, Priester, Pfarrer bewusst sein, dass er nicht seine eigenen Aggressionen oder Probleme auszuschütten hat, wenn er von Gott redet, sondern dass er das, was der Geist durch Jesus geoffenbart hat, zu vermitteln hat so gut es geht, so dass ich ganz ehrlich sagen müsste, ich will ja nicht meine Weisheit vortragen, sondern das, wovon ich sagen kann, das trägt mein Leben, ich bin davon überzeugt. Dann kommt der Einzelne dazu, der aus seiner Lebenserfahrung heraus sagen kann, so wie Paulus einfach sagt: „Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch überliefert habe“ – es ist nicht mein Gebilde, was ich weitergebe.
Dass das sichtbar wird, dass es nicht so schwierig ist, ein kleines Beispiel:
Es ist ein Beispiel, wie eine Legende tiefste Wahrheit enthält. Mir hat bei einer Tagung jemand erzählt von einer Weihnachtspredigt. Eine ganz kurze Geschichte, in der alles gesagt ist, was Jesus bringt. Das ist die Geschichte, die Geschichte vom Wolf, der das Jesuskind fressen wollte:
Es ist die Heilige Nacht auf den Fluren von Bethlehem: Die Herrlichkeit des Herrn strahlt auf sie, und der Wolf kommt wie jede Nacht zur Herde und holt sich ein Lämmlein, so als Nachtessen. Und dann ist der Wolf jetzt da auf den Fluren von Bethlehem, und dann fragt er sich, was ist denn da heute los? Was ist da für eine Aufregung, und er horcht und er horcht, bis er hört von einem Kind, von einem neugeborenen Kind. Er denkt, uih, ein neugeborenes Kind, das wäre mal was Anderes als immer die langweiligen Lämmer. Das Kind im Stall hole ich mir. Und dann schleicht er sich wieder zurück, und wie es finster und ruhig ist, schleicht er sich an den Stall heran und alle schnarchen und schlafen schon. Nur vom Kind hört er noch einen Krächzer, das Kind ist also noch wach. Er wartet noch ein bisschen, und dann geht er an die Krippe hin und denkt: Ah, jetzt hab‘ ich’s! Er streckt seinen Kopf und macht sein Maul auf, und dann –
streichelt das Kind seine Schnauze und krault ihn hinten am Kopf. Und auf einmal kann er das Kind nicht mehr fressen.
Und noch etwas geht in ihm vor, er merkt auf einmal wie sein Fell aufspringt, sein Wolfsfell zerreißt. Dann fällt ihm das ganze Fell ab, und dann steht da -der Mensch.
Der Pfarrer hat diese Geschichte als Weihnachtslegende gebracht, und die, die dabei war, hat mir erzählt, die Leute waren mäuschenstill. Kein Wort hat er sonst gesagt, weil jeder sieht in diesem Bild die tiefe Wahrheit, wie das Wolfshafte, die Aggressionen und das alles abfällt und wie durch diese Liebe, durch die bedingungslose Liebe, der Mensch zum Menschen wird.
So gibt es diese vielen, vielen Möglichkeiten zum Aufmerksam-Machen auf das Eigentliche, was sich in Jesus erfüllt hat, in der Geschichte, weil gerade das, was IHN erfüllt hat, der Geist Gottes durch IHN in unsere Welt unverlierbar über historische Vergänglichkeiten eingegangen ist.
GOTT GEHT MIT, WORAUF DU DICH VERLASSEN KANNST!